„Gefühle brauchen wir nicht“
„Gefühle brauchen wir nicht, die sind uns nur im Weg.“ Die
Erkenntnis meines Vaters, der mit 17 Jahren zur Grundausbildung beim Militär
musste und mit 24 Jahren nach zwei Verwundungen, mindestens eine war
lebensgefährlich, aus russischer Gefangenschaft nach Hause kam.
Als die Schulzeit zu Ende ging
Als meine Schulzeit zu Ende ging, fiel ich in ein tiefes
Loch. Bisher hatte ich wenigstens so etwas wie ab und zu Zipfelchen von einer
Gemeinschaft, werde ich jetzt Freundinnen finden? Ganz selten war ich mal bei
einer Klassenkameradin zu Besuch. Mit siebzehn Jahren lernte ich einen jungen
Mann kennen. Das machte mir Angst- keine Freude! Ich wurde jetzt erwachsen, wie
sollte ich damit klar kommen? Ich war verzweifelt. Lange habe ich mir Gedanken
gemacht, mit wem ich über meine Sorgen reden könnte. Ich hatte große Angst und
fand niemand. Hinter unserem Haus liefen Bahngleise entlang, keine
Hauptstrecke, aber es fuhren Züge, zum Glück hatte ich auch hier Angst.
Auf der Suche nach Hilfe
Monate lang überlegte ich, was ich tun könne. Ich traf
ehemalige Klassenkameradinnen, es ergaben sich keine längere Kontakte. Als ich
wirklich nicht mehr weiter wusste, meldete ich mich bei einer psychologischen
Beratungsstelle an. So konnte ich wenigstens erzählen und ich bekam auch einige
Einsichten, aber an meinen Kontakten ändert sich nichts, außer dass ich den
jungen Mann heiratete und wir in eine andere Stadt zogen. Diese Veränderungen
haben mich kurze Zeit von meinen Schwierigkeiten abgelenkt. Doch ein halbes
Jahr später fiel ich wieder in ein Loch. Jetzt spürte ich auch Wut, die ich an
meinem alten Wohnort auch schon gespürt hatte und nicht wusste, damit um zu
gehen. Mein Mann sagte einmal: „Warst du schon mal bei einem Pfarrer?“ Nein,
war ich noch nicht, ich probierte es aus. Wir hatten ein langes Gespräch, ich
konnte wirklich alles erzählen, was ich los werden wollte, aber eine neue
Einsicht? Eine kleine Veränderung? Er empfahl mir die Frauengruppe, die seine
Frau leitete. Das war ein Reinfall.
Hilfe für meine Tochter – und für mich
Später, als meine Tochter geboren wurde, hatte ich immer
noch Wut. Was sollte ich jetzt tun? In unserer Stadt wurde gerade der
Kinderschutzbund gegründet, dort wendete ich ich hin. Ich erzählte, dass ich
schon so lange Therapie hinter mir hatte und keine Hilfe erfahren hatte. Mir wurden
Selbsthilfe-Gruppen empfohlen. Dort ging ich hin, ich fühlte mich wohler, als
bisher in anderen Gruppen, ich konnte auch viel erzählen und ich bekam viel
Hilfe für die Tochter, deren Wert mir erst jetzt bewusst wird, wo sie schon
lange erwachsen ist. Sie ist unkompliziert, weltoffen, und sie hat ein
freundliches Wesen, Ich bin stolz auf
sie.
Dann begegnete mir die GfK
Große Hilfe für mich kam ein paar Jahre später, als mich
jemand fragte, ob ich mal etwas von GfK gehört hätte. Was sie erzählte machte
mich neugierig und sie lieh mir einige Bücher aus. Ich konnte nicht viel lesen.
Drei bis vier mal versuchte ich es. Immer wieder verschleierte sich mein Blick
von den Tränen die mir nach ein paar kurzen Sätzen in die Augen schossen: Die
Menschen, die hier erzählten, die machten die gleichen Fehler wie ich und die
Lösung war so einfach! Nach einer kurzen Suche im Internet fand ich drei
Trainerinnen in meiner Nähe.
Die ersten Veränderungen
Die größten Schwierigkeiten waren jetzt überwunden. Und
schon die erste Übungsstunde verschaffte mir Hoffnung, auch wenn es den Begriff
in meinem damaligen Wortschatz nicht gab. Kurze Zeit danach passierte etwas
ungeheuerliches: wir waren bei meinem Bruder eingeladen. Er wohnt weiter weg und wir machten jedes mal
eine Tour von ein paar Tagen, die mir sehr schwer gefallen ist. Ich hatte
absolut keine Lust, ihn zu besuchen, aber alle paar Jahre musste es sein.
Nach der ersten Nacht
lag ich im Bett und weinte – vor Freude weil der Abend so schön war! Was war
passiert? Noch hatte ich keine Ahnung, das interessierte mich nicht. Ich wollte
nur mehr davon.
„Ich wollte nur mehr davon“
Es folgten weiter Einzelstunden und Gruppen und auch
Seminare. Mir wurde immer leichter, der Gedanke am Bahnhof, möglichst weit von
der Bahnsteigkante weg zu gehen, dass ich nicht doch mal einen Schritt in die
falsche Richtung mache, der erledigte sich ohne dass ich es merkte. Das alles
genügte mir nicht, weil ich immer noch ganz schnell in Wut geriet. Irgendwo
fiel mir Christians Flyer in die Hand. Ich meldete mich für einen WS in meiner
Nähe an und ich hatte wieder ein tolles Erlebnis. Ein Teilnehmer sagte, wenn er
in Wut ist, dann ist er nicht auf 180,
mindestens auf 100 000. Bald schaukelte sich ein Gespräch zwischen
Christian und ihm hoch und ich hätte können „ewig“ zuhören: Wut hoch drei –
Einfühlung, Einfühlung, Einfühlung, bis der Teilnehmer ganz ruhig wurde, es
folgten drei Worte von Christian: Wut hoch drei. So ging das lange hin und her.
Der Schritt ins Jahrestraining
Später erzählte Christian, dass er ein Jahrestraining plant.
Mir war klar dass er mit meiner Wut umgehen kann. Trotzdem fiel es mir
ungeheuer schwer, mich anzumelden: 16 Menschen, die ich noch nicht kannte! Ich
habe es erst gewagt, als Christian mir sagte, dass ich mittendrin gehen kann,
wenn ich will. Davon war nie die Rede. Stattdessen hatte ich im vierten
Modul einen wunderbaren Abschluss. Wir
waren alle fix und fertig, wollten nur noch nach Hause, „eigentlich“ war auch
schon alles gesagt, als eine Teilnehmerin meinte, da ist noch etwas passiert,
was sie bis soeben überlegt hat, mit nach Hause zu nehmen, und sie kann es
nicht, es gehört einfach hier her: In einer Pause hat bei einem gemütlichen
Beisammen sitzen ein Teilnehmer gesagt, die Christel, die ist doch wirklich …
Weglaufen – und zurück in die Gemeinschaft
Was dann gesagt wurde, habe ich nicht mit gekriegt. In mir
stieg Hitze hoch und ich musste einfach nur weg. Ich rannte eine Treppe runter,
über die große Wiese, die um das Seminarhaus liegt und schließlich fand ich
mich doch nahe am Haus wieder und konnte da eine Weile … was? Nachdenken?
Weinen? Keine Ahnung, ich war leer
innerlich. Bald kam Christian zu mir, redete mit mir und er schaffte es, mich
wieder zurück in die Gemeinschaft zu bringen. Wir haben noch einmal lange
miteinander geredet und ich bekam viele, viele Streicheleinheiten, die ich zwar
kaum wörtlich aufnehmen konnte. Aber ich spürte die Atmosphäre und ich bin nie
wieder so zufrieden und glücklich von einem Workshop nach Hause gefahren.
„Christian, ich bin so froh, dass es Dich gibt!“
Christian, ich bin so froh, dass es Dich gibt! Mit meiner
Wut kann ich besser umgehen und ich komme auch an die anderen Themen dran, die
mir doch auch wichtig sind. Dann zeigst du mit einer riesigen Geduld mir immer
wieder wie ich was besser machen kann. Ich war dieses Jahr fast so weit ein
viertes Jahrestraining zu machen. Vielleicht gibst du mir bald ein Abonnement?
Die Krönung meines Weges
Kurz nach der Pandemie hat sich dann noch ein wesentlicher
Teil meines Weges geklärt: fast direkt neben dem Haus wo ich seit über vierzig
Jahren wohne, ist die Stadtmission. Nie bin ich da hin gegangen, wir hatten
Sonntags immer was anderes vor: Ausflüge mit unserer Tochter, ihr die Welt
zeigen. Später, in der Pandemie war alles so schwierig,die Tochter war
selbständig und mein Mann ist krank geworden, er wollte immer weniger unterwegs
sein. Ich fühlte mich mit ihm zusammen ans Haus gebunden, bis ich irgendwann
sagte, wir könnten doch mal in die Stadtmission gehen, was hältst du davon?
Einmal war er dabei, doch dann wollte und später konnte er nicht mehr. Zwei
Jahre später ist er verstorben. Und für mich ist die Kirche so was wie die
Krönung meines Weges. Ich hatte von Kindheit an auch in der Kirche nach
Unterstützung durch Geistliche oder andere Gläubige gesucht und nicht gefunden.
Doch hatte ich in dieser schwierigen Zeit mit Gott Erlebnisse, die mir Mut
machten, auch gerade in der Frauengruppe.